Herzlich willkommen in Münchehof am Harz

 

 

Junge Historiker beim HVM

Zu einer Vortragsveranstaltung ganz besonderer Art hatte jetzt der Heimatverein Münchehof eingeladen.  Fünf Schülerinnen und Schüler des Jacobson-Gymnasiums Seesen, die beim Geschichts-Wettbewerb des Bundespräsidenten ausgezeichnet wurden, referierten an den Schicksalen von drei Einzelpersonen über interessante, aber auch sehr traurige  Epochen deutscher Geschichte. Sie nutzten damit ein weiteres Mal die Gelegenheit, ihre preisgekrönten Arbeiten der Öffentlichkeit zu präsentieren. In Power-Point-Präsentationen riefen sie Schicksale von Menschen in Erinnerung, die in verschiedenster Weise mit unserer Heimatstadt verbunden sind oder waren.

Bei dem Geschichts-Wettbewerb handelt es sich um den größten historischen Forschungs-Wettbewerb in Deutschland, der 1973 vom damaligen Bundespräsidenten Gustav Heinemann und dem Stifter Kurt A. Körber ins Leben gerufen wurde. Die Körber-Stiftung verfolgt den Themenschwerpunkt: „Erinnerung schafft Zukunft“. Es sollen Kinder und Jugendliche angeregt werden, selbständig den historischen Spuren aktueller Probleme nachzugehen.

In seiner Begrüßung brachte Vereinsvorsitzender Dieter Pöppe seine Freude darüber zum Ausdruck, dass die Einladung auf so große Resonanz gestoßen sei. Sein besonderer Gruß galt neben den fünf Referenten besonders auch ihren Angehörigen, die den Weg ins Münchehöfer Dorfgemeinschaftshaus gefunden hatten. Nach einer kurzen Einführung durch Ilse Bauerdorf, die diesen Abend angeregt hatte,  kamen dann  ohne Umschweife die jungen Historiker des Seesener Gymnasiums zu Wort  

Josephine Conrad und Jana Grotelüschen widmeten sich dem Thema: „Wie hat Leni Marcus damit gelebt, dass sie aufgrund ihrer jüdischen Herkunft ausgegrenzt war?“ Helene Marcus, deren Schwester und Mutter im Holocaust umkamen, ist die Tochter eines Lehrers am Seesener Gymnasium und wohnte in der Lautenthaler Straße. Sie emigrierte später in die USA, wo sie unter dem Namen Helen Lowe in New York wohnte. Dort hat sie sehr viel später ein Interview über ihr Leben gegeben, das die Schülerinnen in Ausschnitten zeigten. Ebenso konnten die Zuschauer einen Brief in Augenschein nehmen, den Helen Lowe an die Seesenerin Bärbel Schramm geschrieben hatte. Darin erklärte sie, dass sie nichts mehr mit Seesen zu tun haben und auch auf keinem sogenannten Stolperstein erwähnt werden möchte.

Luna Hagemann und Svea Gorny berichteten in einer Power-Point-Präsentation über das Thema: „Wurde Ruth Groene aufgrund ihrer jüdischen Abstammung als Außenseiterin behandelt und wenn ja, wie äußerte sich dies?“ Die Schülerinnen erläuterten anhand einer Gliederung die Vorgehensweise ihrer Nachforschungen. Der Vater von Ruth Groene war Jude und von 1916 bis 1919 Schüler des Seesener Gymnasiums. Sie selbst wurde 1933 in Hannover geboren und wuchs dort auf. Ihr Vater verlor bereits 1933 seine Arbeit. Das Leben von Ruth Groene änderte sich schlagartig nach der Pogromnacht vom 9. November 1938. Seit dieser Nacht hatte sie keine Spielkameraden mehr und selbst ihre Lehrer – mit einer Ausnahme -  beachteten sie im Unterricht kaum.  Die Familie musste 1941 ihre Wohnung räumen und kam in ein Sammellager und von dort in ein sogenanntes „Judenhaus“. Ruths Vater wurde dann im November 1944 verhaftet und im Februar 1945 ins KZ Neuengamme überstellt. Nach weiteren Stationen und tagelangen Zugfahrten starb er Ende April im Gefangenenlager Sandbostel an Typhus. Ruth Groene, die ein Buch mit dem Titel: „Spuren meines Vaters“ geschrieben hat, ist als Zeitzeugin noch unermüdlich unterwegs, um gegen das „Vergessen“ ihren Beitrag zu leisten. 

Diese beiden Teams wurden mit einem „Förderpreis“ beim Geschichts-Wettbewerb des Bundespräsidenten ausgezeichnet.

Ein weiterer Schwerpunkt an diesem Abend war dann der sehr ausführliche Vortrag von Frederic Müller, ebenfalls vom Jacobson-Gymnasium, der sich mit seiner Forschungsarbeit zum Thema: „Anders sein, Außenseiter in der Geschichte“ beteiligt hatte und den Landessieg in Niedersachsen errang. Die Preisverleihung fand in einem sehr feierlichen Rahmen in Hannover im Interimsplenarsaal statt, wobei Anja Paehlke von der Körber-Stiftung und Landtagspräsident Bernd Busemann die Landessieger, so auch Frederic Müller, ehrten.

Das Thema von Frederic Müller lautete: „Vom armen Flüchtlingsjungen zum angesehenen Bäckermeister“. Dass dieser Vortrag mit besonderen Emotionen verbunden war, lag einerseits daran, dass der Flüchtlingsjunge und spätere Bäckermeister Erwin Brieske unter den Zuhörern war, aber auch, weil viele der Anwesenden den mühsamen Weg von Erwin Brieske von einer Ein-Mann-Bäckerei zu einem Unternehmen mit vielen Filiale im Harzer Vorland miterlebt hatten. Frederic berichtete zuerst allgemein über die Situation nach Ende des 2. Weltkrieges und die daraus erfolgten Ströme von Flüchtlingen in die spätere Bundesrepublik. Viele Millionen Menschen mussten damals aufgenommen und versorgt werden. Über Aufnahmelager gelangten sie zu Familien, die Räumlichkeiten zur Verfügung stellen mussten. Schon daraus ergaben sich Schwierigkeiten, die die Flüchtlinge und Vertriebenen neben anderen Repressalien zu spüren bekamen. 

Es musste hart in der neuen Heimat gearbeitet werden und oft gelang es nur über den Sport, eine Anerkennung zu erlangen. Frederics Großvater gelang es schließlich, sich nach einer Lehre und Gesellenjahren selbständig zu machen und einen florierenden Bäckereibetrieb zu schaffen, den er auch im Laufe der Jahre immer mehr erweitern konnte. Angesichts der enormen Herausforderungen damals und in der heutigen Flüchtlingskrise zog Frederic ein Fazit, das er in dem Satz zusammenfasste: „ Kommunikation ist der Schlüssel zur erfolgreichen Integration“. 

Es versteht sich von selbst, dass die tüchtigen Gymnasiasten nach ihren brillant vorgetragenen Ausführungen mit Beifall überhäuft wurden, dass Dieter Pöppe in seinen Dankesworten sehr lobende Worte fand und ihnen gemeinsam mit Bärbel Karges und Ilse Bauerdorf kleine Geschenke überreichte. Mit Blick auf die aktuelle Flüchtlingssituation machte er aber auch deutlich, dass solche Veranstaltungen geeignet sind, dem Vergessen entgegenzuwirken, um schlimme Verbrechen der Vergangenheit nicht zu wiederholen.